Hartmut
Zänder
Magenta Marias
. . . essay. . . magenta is mine! . . . most recent common ancestor
 
"Magenta Marias" ist der Titel einer Serie von fast 300 Frauenportraits, wie sie uns aus modernen Gesichtern Afrikas, Asiens und Europas entgegenblicken. Sie sind als Mitglieder einer grossen, globalen Familie gleichbehandelt und stehen für ihre natürliche und kulturelle Vielfalt. Die Vorlagen der Mehrzahl der Bilder entstammen anthropologischen Büchern der letzten beiden Jahrhunderte, vieles aus dem Internet ( Google hat bereits eine eigene "face"-Funktion ), aus dem Alltagsfernsehen, einige wenige sind reale Portraits. Sie sind handkolorierte Unikate in DIN-A4, beidseitig mit Acryl auf transparenter Druckerfolie bemalt. Die Passepartouts sind aus PE-Folien handgeschnitten, um die überlappenden Linien ein wenig durchscheinen zu lassen. Die Bleistiftvorlagen wurden im Anschluss um etwa 80 Zeichnungen erweitert, um auch die Entstehungszeitpunkte der Haplogruppen ( coalescence time ) passend zu machen und in neue Migrationskarten zu stellen. Die eingescannten Schwarz-weiß-Bilder folgen als Netzwerk in der Nummerierung der Logik der jüngeren genetischen Klassifizierungen, die die mütterlichen Herkunftslinien anhand mitochondrialer Haplogruppen untersucht.
Mitochondrien sind winzige Organismen, die zu Millionen all unsere Zellen bevölkern und deren Sauerstoff- und Energiehaushalt steuern. Sie verfügen über eigenes Erbgut, das im Vergleich zu unserem kompletten Gencode geradezu überschaubar ist mit seinen nur 16.569 Basenpaaren, wovon die beiden nichtkodierenden Kontrollregionen HVR I und II sowie etliche Marker der Komplettsequenz untersucht werden. Für die neuere Forschung sind Mitochondrien deshalb so interessant, weil sie ausschließlich maternal vererbt werden. Auf diese Weise konnten in den letzten 25 Jahren die wesentlichen Herkunftslinien der jungen Hominidenrasse Homo sapiens sapiens in einem mütterlichen Stammbaum mit all seinen Verästelungen in groben Zügen skizziert werden. Als gemeinsame Vorfahrin wurde eine, salopp "mitochondriale Eva" genannte Frau vor ca. 200.000 Jahren in Ostafrika ausgemacht. Mehr und mehr werden inzwischen auch die genetischen Verbindungen zum ersten Entwurf eines modernen Menschen, unserem Vetter aus dem Neanderthal, mit dem wir einen letzten gemeinsamen Vorfahren vor ungefähr 500000 Jahren teilen, hergestellt. Ein weitgehend deckungsgleicher Stammbaum wurde für die männlichen Linien über die Erforschung der nur paternal vererbten Y-Chromosomen erstellt. Die Nomenklatur arbeitet in beiden Fällen mit Buchstaben und Ziffern für Untergruppen, leider nicht kompatibel. Bei den Frauen ist Haplogruppe L die afrikanische Ausgangslinie, von der Untergruppe L3 zweigten vor ca. 60-70 Tausend Jahren die beiden Superhaplogruppen M und N ab, zu denen alle Nichtafrikaner gehören.
Der englische Genetiker Bryan Sykes, bekannt unter anderem durch seine Untersuchung von Ötzi, mit dem ich meine eigene Haplogruppe teile, hat sich bemüht, der trockenen genetischen Nomenklatur, eingeführt von dem Italiener Antonio Torroni, etwas mehr Leben einzuhauchen, indem er den Haplogruppen richtige Namen gab und die jeweils letzte gemeinsame Ahnin zur Klanmutter hochstilisierte. In seinem Buch "Die sieben Töchter der Eva" stellt er so die europäischen Klans der Ursula, Helena, Velda, Jasmin, Tara, Katrin und Xenia zusammen. Wir stehen zwar erst am Anfang dieser neuen Möglichkeit, das genetische Logbuch unserer Geschichte zu lesen und zu verstehen. aber bereits jetzt finden und formieren sich die ersten Angehörigen derselben Klans auf zahlreichen Internetseiten.
Meine Zeichenserie soll einen vergleichbaren Versuch darstellen, diesen gemeinsamen Vorfahrinnen, Klanmüttern ein individuelles Gesicht zu geben. Deshalb ist jedem Portrait die Haplogruppenbezeichnung beigegeben. In der Farbe Magenta deshalb, weil um die Jahrtausendwende das Gerücht kursierte, der Konzern Telekom wolle sich diese Farbe als Gebrauchsmuster schützen lassen. Auch wenn eine solche Unverfrorenheit nicht von Erfolg gekrönt sein konnte, zeigt sich doch klar dieselbe Profitorientierung wie bei so vielen Versuchen, über das Patentrecht sich Dinge anzueignen, die eigentlich Allgemeingut sind.
Vor einigen Jahren wurden, von internationalen Pharmariesen gesponsort, Helfer von durchaus idealistischer Gesinnung in alle Welt ausgeschickt, um bei soviel kleinen indigenen Völkern wie möglich Blutproben zu nehmen, angeblich, um die Vielfalt des globalen genetischen Erbguts in einer Datenbank zu sichern und erhalten. Offenbar gibt es bei diesem löblichen Unternehmen aber doch weniger selbstlose Hintergedanken. Es lassen sich bei all diesen Genfolgen mutierte Schnipsel finden, die Enzyme auf ganz besondere Art spalten können. Wem denn diese Gene eigentlich gehören, fragt sich spätestens, wenn er zusehen muß, wie eine schwedische Firma ohne Rückfrage bei den Trägern einen solchen Schnipsel dazu verwendet, eine neue Joghurtmarke auf den Markt zu bringen, natürlich ordentlich patentiert. So dankbar man der genetischen Forschung sein muß, daß sie endlich den unumstößlichen Beweis angetreten hat, daß es nur eine einzige junge menschliche Rasse gibt und sich spätestens ab heute jede Form von Rassismus ein für alle Male verbietet, auch wenn dies bereits früher viele mutige Köpfe eingeklagt haben. Bedenklich aber stimmt, daß ähnlich dem Prozess im Umgang mit Nutzpflanzen, all den transgenen Reis-, Raps- und Weizensorten, die die Vielfalt genetischer Lebensformen an den äußersten Rand der Existenz drängen, das, was allen gehört, also Allgemeingut ist, in den exklusiven Besitz einiger Konzerne übergehen soll. Bestes Beispiel ist vielleicht das Vorgehen der Firma Monsanto auf dem indischen Kontinent. Mit ihrer transgenen, vorgeblich schädlingsresistenten Baumwollsorte ist es ihnen mit aggressiven Verkaufspolitik gelungen, aus zuvor armen, aber recht autonomen Bauern Abhängige zu machen, die wegen der künstlichen Unfruchtbarkeit dieser Sorte jedes Jahr neues Saatgut gezwungen sind zu kaufen. Sie verschulden sich, müssen ihren Boden veräußern, werden in den Ruin und nicht selten in den Selbstmord getrieben. Diese Art von Wirtschaftspolitik nenne ich "Culture of profit", gegen die die nicht formierte "Culture of respect" schlechte Karten hat. Diese beiden Beteiligten im globalen "Clash of cultures" unterscheiden sich in der Art ihrer Lebensbewertung, die Haltung des Respekts hat immer dessen Qualität vor Augen, sie erlaubt und fordert das Zurückblickenkönnen des Anderen, sie erfreut sich an seiner Einzigartigkeit, seiner Individualität, will in ein richtiges Antlitz und seine Augäpfel blicken und wehrt sich deshalb gegen seine eigene Reduktion auf das bloße quantifizierte Dasein als User oder Consumer.
Die europäische Marienverehrung gründet in diversen älteren Kulten, dem der Mittelmeergöttinnen Isis, Ishtar, Hera, Diana oder der germanischen Matronen und versammelt neben den paternalen Hauptgöttern all die warmen, gütigen, entrückten Blicke, aus denen die Kraft der Frauen spricht.
Mir schwebte bei meinen Portrait etwas von diesem Ikonencharakter vor, Antlitze, die zurückblicken können, die in der heutigen Zeit leben, die in unterschiedlicher Weise einen gültigen Ausdruck einer echten Klanmutter vermitteln können.
Das soziale Netzwerk der "Magenta Marias" sollte als Hommage ein plausibles Gesicht erhalten.

Köln im April 2007/09
 

 
2007 by hartmut zänder . . . mail