Hartmut Zänder
»Der Blick des Herrschers«

Gedankensplitter zu den James Bond-Filmen




"Der Blick des Herrschers"
1996, 112 x 200 cm, Acryl auf Leinwand



»Der Fortsprung der Sehenden« oder »Der Fall der Blinden«.

Filme sind zum Sehen da, besser gesagt: für die Sehenden. In den einzelnen Filmen wird ebenso die Geschichte des Films wie auch die des Sehens selbst transportiert. Bis heute gibt es allenfalls eine Geschichte der optischen Geräte, nicht aber eine Konzeptionsgeschichte der Blicke, die den modernen Alltag beherrschen und prägen. Auskünfte über genau diese Sachverhalte habe ich mir von einer ausführlichen Betrachtung und Bearbeitung der James-Bond-Filme versprochen. Nach 120 Zeichnungen zu den ersten 15 Filmen (sprich: 360 Einzelbilder) wollte ich wissen, welche Auswahlkriterien mich geleitet hatten und was für eine Motiv-Sammlung dabei herausspringen würde. Über eine Strichliste kam ich zu der Skizze »Der Blick des Herrschers«, die einem der großen16x9-Bilder voranging. Auf einige Themen sollen kurze fragmentarische Spots geworfen werden, in die ein Vergleich mit Gilgamesch, dem Held aus einem der ältesten Dichtung unserer Kultur eingewebt ist.

Die Welt ist, was der Fall ist.
(Tractatus logicus philosophicus, Satz 1.1)

Wittgenstein verstand unter einem FALL das Bestehen von Sachverhalten, FALL im grammatischen Sinn von CASUS. Wer bedenkt, daß dieses Jahrhundert vorrangig an der Sensation von FÄLLEN interessiert ist, seien dies juristische, medizinische, detektivische oder therapeutische, möchte ihm gleich recht geben, vorausgesetzt, nur ein literarisch-philosophisches Verständnis ist gültig. Ich fühle mich als Künstler aber ebenso dem anschaulischen Denken verpflichtet und nehme mir daher die Freiheit, einen FALL wörtlich zu nehmen als etwas, das fällt, etwas, das springen möchte und es nicht schafft oder als etwas, das von außerhalb zum Springen gebracht wird, also gesprengt wird.

Keinen Nebenbuhler hat seiner Waffen Aufbruch!
(Gilgamesch, Fragmente)

»Blindgänger« wird ein Sprengkörper genannt, der nicht wie gewohnt in die Luft geht, sondern die erwartete Explosion verweigert. Eine solche Bombe gehört in die Klasse der Dinge, die ingsgesamt als BLIND diffamiert werden und dies vielfältig. Nicht nur das Blindgehende, so wie stumpfe Spiegel, Fenster oder Blindtext rückt in die Nähe des Fallenden, sondern auch die Blinden selbst, die dem Christentum als Metaphern der Unwissenheit, der Ungläubigkeit und des unausweichlichen Scheitern- und Fallenmüssens herhielten. Wird einerseits die Vernunft im religiösen Kontext als diejenige Kraft gebrandmarkt, die tiefere Glaubenseinsicht und Erleuchtung verhindert, geraten im profanen Blickfeld genau umgekehrt die Leidenschaften in den Bannkreis der Verblendung. Leidenschaften sind und machen blind. Wut, Haß, Liebe, Zorn und die anderen wurden als frühe Kleinhirn-Software, dessen sich der aufgeklärte Neuzeitler eigentlich schämen sollte, als Uralt-System 0.1 und Blindgänger diffamiert. Dabei ist es gerade die Werbung mit dem unverstellten Blick auf die Leidenschaften und ihre vielfältigen erregenden Bilder, die dem Film zu seinem durchschlagenden Erfolg verholfen haben.

Es sind zwei Blicke, die sich dafür begeistern, der des »Spanners« und der des »Herrschers«. Beide kommen in den Bond-Filmen reichlich vor. Der »Blick des Herrschers«, in den französischen Gärten extra für den barocken Monarchen auf ein kleines Fensterchen, seinen ureigensten »point de vue« komprimiert, sollte nach der Revolution von 1789 jedem offenstehen, der sich flanierend in den nun neuen englischen Gärten in Muße delektieren wollte. Das Bild des Flaneurs ist längst überholt und die Räume, durch die er einst langsam und genießerisch lustwandelte, die Alleen, Promenaden und Gärten, sie sind Spielwiese, Sportplatz und Drogentreff geworden.

Der alles gesehn im Bereiche des Landes, der die Meere kannte, Jegliches wußte,
er durchschaute das Dunkelste gleichermaßen,
Weisheit besaß er, Kenntnis der Dinge allzumal.
Verwahrtes auch sah er, Verborgenes erblickte er.

(Gilgamesch, Fragmente)

Bond ist ein Herrscher von königlicher Gestalt, aber ein König ohne Raum. Ganz im Gegenteil, er ist nur Vertreter eines kleinen Landes, ein bloß Beauftragter, Lizensierter, also ein kleiner Angestellter. Doch wenn er auch nicht über eigenes Land gebietet (hat er überhaupt eine eigene Wohnung?), so ist er doch überall zu Hause, in allen Ecken des Kosmos, in der Luft, unter Wasser, im Weltraum, selbst unter der Erde und rettet fast immer die ganze Welt, er ist ein wahrer Weltenerlöser. So stehen ihm alle Schau- und Spielplätze offen, jedwede Grenze darf er überschreiten, selbst die des Todes, was ja den übrigen Sterblichen verwehrt ist. Daß dazu meist die unglaublichsten und waghalsigsten Manöver nötig sind, versteht sich von selbst. Mit all seinen Vermögen steht Bond in der altehrwürdigen Tradition des mythischen Helden, er verfügt über umfassendes Wissen, Topfitness, unschlagbare Waffen, unwiderstehlichen Charme und einen Witz, um selbst die Götter auszutricksen.

Für Gilgamesch, den König von Uruk-Markt, als Erstwerber,
ist geöffnet das Netz der Leute.

(Gilgamesch, Fragmente)

Gilgamesch ist wie Bond der Kultivierte, derjenige, der die legendäre Mauer um seine Stadt und gegen die Wildnis hat bauen lassen, so wie er seinen Gefährten Enkidu aus einem behaarten Ur-Tarzan, der mit den Tieren sprach und mit ihnen dieselbe Tränke teilte, sich in seinen Freund und Waffengenossen anverwandelte und alles Wilde weiterhin im schrecklichen Chumbawa, dem Herrn der Wälder, festmachte. Gemeinsam ziehen die beiden los, um den wilden Chumbawa zu vernichten, warum, weiß so recht niemand.

Auf zehn Doppelstunden liegt unberührt der Wald - Wer ist's, der hinab in sein Inneres steige?
Chumbawa - sein Brüllen ist Sintflut, Ja, Feuer sein Rachen, sein Hauch der Tod!

(Gilgamesch, Fragmente)

Chumbawa, das wilde Böse, wird natürlich im sumerischen Epos besiegt, ersteht aber in allen folgenden Märchen, Mythen, Religionen und Filmen wieder neu. In jedem Gegenspieler Bond's - sicher ist das Ganze nur ein Spiel mit höchstem Einsatz - können wir ihm begegnen, auch wenn er sich inzwischen zu einer Art Cyborg gemausert hat. Aber er ist jeweils besessen von blinder Leidenschaft, Haß, Habgier, Irresein, umgeben von den dumm gefräßigen Tieren der Wildnis (am liebsten Haie). Gleich der erste Gegenspieler, Dr. No, gab mit seinen Handprothesen die eindeutige Vorgabe, daß das Böse immer auch das Entstellte, Häßliche ist, mit Makeln behaftet. Es sind die Operierten, die die subversiven Operationen planen, die Bond zu vereiteln hat, um die Homöostase des empfindlichen Atomgleichgewichts zu sichern.

Es sind die Loser, die Winner sein wollen, der Slave, der vom Master-Dasein träumt, das Lokale, das sich als das Globale aufspielt, das es auszuschalten gilt. Wir sind am Ende beruhigt, daß wie immer das Gute, Schöne, Wahre mal wieder über das Böse gesiegt hat und vergessen leicht, daß das Kriminelle vielleicht nicht nur bei den Bösewichtern zu finden ist, sondern bei der kulturellen Konstruktion selbst, die der Natur, dem Wilden von Anfang an den Kampf angesagt hat. Gilgamesch dämmert es vielleicht schon, als er den Tod seines Gefährten Enkidu beklagt:

Weinen möge über dich der Wald, die Zypresse und die Zeder!
. . ., die wir verwüsteten in unserem Grimm!

(Gilgamesch, Fragmente)

Köln, 1998


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